Frappierende Überlegenheit der kenianischen Laufasse

Bei der Rückkehr des WMRA-Weltcup zum Grossglockner Mountain Run nach Heiligenblut beweisen die WM-Zweiten Richard Atuya und Ruth Gitonga eindrucksvoll ihre Klasse, für die besten Europäer Tiziano Moia und Kirsty Skye Dickson bleiben lediglich Nebenplätze auf dem Podium und Lukas Ehrle meldet sich als Fünfter zurück

Knapp eintausend Einwohner klein ist Heiligenblut, der aus mehreren Gemeinden verwaltungsorganisatorisch zusammengefügte Ort am Fuße des Grossglockners im Nationalpark Hohe Tauern. Für Bürgermeister Martin Lackner, dem Tourismusbüro und vor allem der MJK Sportmarketing GmbH mit Michi Kummerer an der Spitze keineswegs ein Hindernis, im Konzert der attraktiven Berglauf-Events mit dem Grossglockner Mountain Run beim WMRA World-Cup 2026 eine maßgebliche Rolle zu spielen. Als einziger Wettbewerb im deutschsprachigen Raum ist der über 13,3 km und 1300 Höhenmeter führende Klassiker wiederum Bestandteil des insgesamt 16 Stationen umfassenden Circuit aus Bergauf-, Bergauf-/bergab-Rennen und Trails in drei Kontinenten. Weltumspannend. Von Beijing (China) über La Palma (Spanien), Tahoe (USA) über Heiligenblut nach Briancon (Frankreich), Zinal (Schweiz) und Nasego (Italien) bis hin zum Finale nach Beaupré im kanadischen Quebec reicht heuer die Reiseroute der weltbesten Bergspezialisten. „Es ist eine große Freude, den Weltcup wieder in Heiligenblut zu haben“, lobte die Berglauflegende Jonathan Wyatt, Mehrfach-Weltmeister, einstmals Sieger am Grossglockner und inzwischen beim Berglauf-Weltverband (WMRA) für den Weltcup zuständig, die Bemühungen der Veranstalter um eine Wertung im weltumspannenden Circuit. „Eine Veranstaltung, wie sie nicht schöner sein kann“, zogen Bürgermeister und Tourismus bei der Siegerehrung in der Ebene eins des großräumigen Parkhauses auf der 2370 m hoch gelegenen Kaiser-Franz-Josefs-Höhe auf Augenhöhe zum Grossglockner ein treffendes Fazit.

Die Sonderwertung für den WMRA World-Cup 2026 ist gewiss das i-Tüpfelchen einer großartigen Veranstaltung am Fuße des weltbekannten Bergmassivs im Nationalpark Hohe Tauern. Der Grossglockner Mountain Run ist längst mehr, ist mit dem Angebot aus Sport, Kultur und Geschichte für den Tourismus eine zusätzliche Wertschöpfung zugleich. Das Angebot reicht dabei von der Steinbockwanderung am Freitag, dem Abendkonzert der Trachtenkapelle am Dorfplatz, dem eher beschaulichen Walk, der Expo, den Läufen für den Nachwuchs und das runderneuerte Action-Spektakel „King & Queen of Heiligenblut“ am Samstag und – dem großen Renntag am Sonntagmorgen. Mit 1200 Einschreibungen overall gab es zudem eine neue Rekordbeteiligung, die Liste der Nationen reichte dabei von Australien über Rußland bis Brasilien, von Finnland und Norwegen bis Italien und Israel – und natürlich bis Kenia.

Für den 70jährigen Walter aus Linz am Rhein ist der GGMR, so eine griffige Kurzform, eine Premiere. Im Vorjahr hatte er bei einem Start beim Drei Zinnen Alpine-Run in Südtirol von diesem außergewöhnlichen Lauf gehört und kurzerhand entschieden: „Das gönnst Du Dir einmal“. Der rüstige Rentner war vor nunmehr vierzehn Jahren mit einem Laufangebot für den Bonn-Marathon gestartet und beim Rheinhöhenlauf auch Erfahrungen im profilierten Gelände gesammelt. „Ich bin seit Dienstag hier und habe die Strecke mit Wandern und Laufen erkundet. Ich habe mir eine Zweieinhalb-Stunden-Zeit vorgenommen“, so Walter. Maßarbeit, denn als Fünfter der M70 schaffte er die Herausforderung zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe in 2:31:57 Stunden.

Für die 16malige Wiederholungstäterin Wiltrud aus Klagenfurt hingegen ist es ein „Muss“. Und wusste dabei ihre Laufkollegin Tina zu überzeugen, gerade in diesem Jahr die Premiere am Grossglockner zu starten. Nach den Resultaten zu folgern, dürfte es gewiss schon im kommenden Jahr eine Wiederholung zu geben. Denn Wiltrud sicherte sich die W40-Wertung, Tina war bereits in respektablen 2:10 Stunden im Ziel.

Oder der 37jährige Stephan aus dem nordhessischen Rotenburg, der mit seiner Familie auf der Durchreise zum Badeurlaub an die Adria unterwegs ist und einen Stopp am angesagtesten Gebirgsmassiv Österreichs machte. Auch wenn dem Krankenpfleger auf der Intensivstation berufsbedingt ein strukturiertes Training fehlt, ist er bereits zum vierten Mal dabei. „Ich bin unter 1:50 gelaufen, damit bin ich sehr zufrieden“, so der Rennsteig erfahrene Läufer, der als früherer Fußballer erst vor sechs Jahren mit dem Lauftraining begonnen und dabei sogleich zwanzig Kilo abgespeckt hatte. Bekannte aber, dass ihm die 522 Treppenstufen hinauf zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe „den Zahn gezogen“ hatten. Damit war Stephan aber keineswegs alleine, denn diesen Schmerz teilte er gewiss mit vielen Weggefährten, denn der Schlussanstieg forderte selbst die Tagesbesten.

Und damit schauen wir uns die Spitze der 772 Finisher an. Die Eingliederung in den Weltcup-Circuit war letztlich ein Grund, weshalb auf den vorderen Plätzen die Nationen-Vielfalt triumphierte, sieben bzw, acht Nationen tummelten sich bei den Männern bzw. Frauen unter den Top 20. Angeführt wurde die Rangliste (natürlich) von den in der aktuellen Worldcup-Zwischenwertung laufenden Läufern aus Kenia, die vom run2gether-Basislager in Kals am Grossglockner aus eine der kürzesten Anreisewege hatten. Und dies, obwohl Teammanager Thomas Krejci neben den beiden WM-Zweiten von Canfranc Richard Omaya Atuya und Ruth Gitonga sowie Vorjahressieger Ephantus Njeri und der WM-Sechsten Gloria Chebet vor allem junge Athleten im Gepäck hatte.

Und Richard Atuya machte das, was er am liebsten macht: Vorweg laufen! Schon frühzeitig hatte sich der Sieger 2024 abgesetzt und lief trotz starker Konkurrenz ein einsames Rennen an der Spitze. Beeindruckend dabei sein Tempo die rustikalen Treppenstufen hinauf zum Ziel. Nach 1:10:20 durfte sich der Vizeweltmeister feiern lassen. Erst zwei Minuten dahinter folgte der Vorjahressieger Ephantus Njeri, wiederum zwei Minuten dahinter mit Elijah Kariuki der Dritte. Im Kampf um Rang vier unterlag letztlich ein mutig agierender Lukas Ehrle dem Italiener Tiziano Moia, der nach Rang fünf (2023) und Rang sieben (2024) nach 1:14:38 Stunden sein bestes Resultat erreichen konnte.

Zwölf Sekunden dahinter dann der Schwarzwälder. „Nach den Enttäuschungen von Kamnik bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden“, gestand Lukas Ehrle, der nach einer Schienbeinfraktur im Herbst 2025 bei den Europameisterschaften in Slowenien sein Saisondebüt gegeben hatte und weit unter seinem Niveau auf den Plätzen 14 und 29 geblieben war. „Nach zwei Wochen Training in Chamonix komme ich wieder in Schwung. Ich habe dabei nicht den Fehler gemacht mit vielen Höhenmetern! Das gibt mir Zuversicht, auch wenn es für mich keine Berglauf-Saison gibt. Anfang August werde ich wieder in die USA gehen, um die Cross-Saison vorzubereiten!“ Lukas Ehrle studiert inzwischen an der University of New Mexico in Albuquerque, hofft aber auch, seine Schwester Julia bei den anstehenden U20-Weltmeisterschaften in Eugene/ Oregon (5.-9. August) betreuen zu können.

Seinen Kampfgeist musste Lukas aber auch gegen den starken Italiener Lorenzo Cagnati einsetzen, der sich erst im Zielanlauf geschlagen gab. Ein starkes Rennen gelang wiederum Josef Bodner auf Rang sieben. Der passionierte Radfahrer und Skitourengeher stammt aus dem Bergsteigerdorf Kartitsch im Osttirolschen. Mit 1:15:47 schaffte er nahezu seine im Vorjahr erzielte Endzeit, als er als Fünfter bester Österreicher werden konnte. Diese Auszeichnung schaffte er gewiss auch in diesem Jahr, zumal die angekündigten Zwillingen Manuel und Hans-Peter Innerhofer diesmal nicht am Start waren. Hinter gleich drei weiteren Kenianern wurde der Skibergsteiger Christof Hochenwarter Elfter vor dem Italiener Luca Merli.

Richard Atuya festigte mit dem Sieg am Grossglockner in der aktuellen Weltcup-Zwischenwertung mit 136 Punkten Rang zwei hinter seinem Teamkollegen Philemon Kiriago. Luca Merli (6.), Ephantus Njeri (8.) und Tiziano Moia (33.) machten in der aktuellen Liste mit den Resultaten beim GGMR wertvolle Plätze gut.

Eine Minute Vorsprung holte die Vizeweltmeisterin Ruth Gitonga im Aufstieg zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe bei ihrem Sieg in 1:22:29 Stunden gegenüber Jedidah Sang heraus, deutlich zurück ihre Landsfrau Gloria Chebet als Tagesdritte. Hinter einer weiteren Kenianerin, Mirian Chepkirui (1:27:03) lief mit der Britin Kirsty Skye Dickson die beste Europäerin auf Rang fünf ins Ziel, die Italienerin Benedetta Broggl wurde Siebte. Wie auch Richard Atuya festigte auch Ruth Gitonga in der Weltcup-Zwischenwertung Rang zwei hinter Joyce Njeru, Benedetta ist nun Vierte vor Kirsty.

Etwas enttäuscht klang das Resümee von Anni Hofer, die als Zwölfte (1:33:13) die Top 10 um eine Minute verpasste. „Das Niveau ist durch den Weltcup sehr hoch. Die Stimmung unterwegs großartig, tolles Ambiente. Mein Trost ist, dass ich schneller als im vergangenen Jahr war“, so die in Innsbruck Biologie und Englisch für das Lehramt studierende Südtirolerin. Vor Wochenfrist hatte die EM-15. von Kamnik noch den Lavaredo 20k mit drei Minuten Vorsprung für sich entscheiden können. Beste Österreicherin war in Abwesenheit der Vorjahreszweiten Anna Plattner auf Position 14 Isabell Speer nach 1:37:32.

Im Gegensatz zu den letzten Austragungen wurde das Aktionsevent „King & Queen of Heiligenblut“ nicht mehr als Ausscheidungsrennen für die männliche Laufelite ausgetragen, sondern auf einer verkürzten Runde konnte sich jeder Interessierte den Geschicklichkeitsaufgaben stellen. Johannes und Sabrina jedenfalls erwiesen sich unter den drei Dutzend Spaßläufern als Beste. Hier werden die Organisatoren allerdings noch etwas nachjustieren müssen, denn so recht zündete dieses Konzept nicht. Gesetzt hingegen ist das Laufprogramm für den Nachwuchs und die Bambinis, die mit Feuereifer die altersgerechten Distanzen absolvierten. Orga-Chef Michi Kummerer wird allerdings noch wenige Jahre warten müssen, bis der stolze Papa seine in der Nacht zuvor (!) geborene Tochter Pauline an der Startlinie stehen kann.

Der Grossglockner Mountain Run 2026 hat für den Berglauf ein Zeichen mit internationaler Tragweite gesetzt, sodass Michi Kummerer neben dem Dank an sein Team vor allem die Wertschöpfung für den Tourismus „von über drei Millionen Euro für die Region“ hervorhob. Schubkraft für den Hochfelln-Berglauf in Bergen soll aber auch die Einbindung in die aktuelle Kooperation zwischen dem Grossglockner Mountain Run und dem Drei Zinnen Alpine Run in ein Dreierbündnis bringen. So jedenfalls erhoffen sich die Macher vom einzig verbliebenen deutschen Berglauf internationaler Güte.